Bewahren und herausfordern

StandortKiel-Holtenau
AdresseSchleswig-Holstein, Deutschland
GebäudetypBauwerke für technische Zwecke
Baujahr1895
BauzeitraumFertigstellung Sanierung: 05/2015
Baukosten5, 1Mio Euro (brutto)

Sanierung und Erweiterung des Wasser- und Schifffahrtsamts Kiel-Holtenau

Auf der an den Nord-Ostsee-Kanal angrenzenden Schleuseninsel Kiel-Holtenau befindet sich das 1895 errichtete, denkmalgeschützte Wasser- und Schifffahrtsamt. Der durch Formsteine und Verzierungen ausgeprägte Altbau in wilhelminischer Ziegelsteinarchitektur erfüllte zuletzt nicht mehr die Anforderungen an ein modernes Büro- und Verwaltungsgebäude, so dass im Jahr 2009 ein Realisie-rungswettbewerb ausgelobt wurde, um die bisher auf der Insel verstreuten Funktionen in einem Neubau zusammenzuführen und um eine denkmalgerechte Instandsetzung und energetische Sanierung des Altbaus zu gewährleisten. Mit ihrem Entwurf entschied die pbr AG den Wettbewerb für sich und führte den Auftrag als Gesamtplaner aus. Im Mai 2015 wurden die Baumaßnahmen auf der Schleuseninsel abgeschlossen, im August dieses Jahres wird die feierliche Einweihung stattfinden.

Skulpturaler Neubau als architektonischer Gegensatz
Ein wesentliches Merkmal des neuen städtebaulichen Konzepts auf der Schleuseninsel sollte die bauliche Ergänzung des denkmalgeschützten Altbaus durch einen ebenso wertigen und selbstständigen, aber nicht dominierenden Neubau darstellen. So ist ein skulpturales Erweiterungsgebäude mit kubischer Formgebung entstanden. Bestimmt wird der Neubau in seiner Form durch geneigte Traufen, eine prägnante Dachlandschaft und teilweise überhängend geneigte Außenwände an der Ost- und Westfassade. Durch die besondere Formgebung der Wände und Dachflächen setzt der Neubau einen die heutige Epoche kenn-zeichnenden Gestaltungsaspekt auf der Schleuseninsel und schafft auf diese Weise den gewünschten, architektonisch sichtbaren Gegensatz zum denkmalgeschützten Altbau.

Gleiche Materialität und Farbigkeit, unterschiedliche Oberflächenstruktur
Für den Neubau wurde die Materialität des Altbaus aufgenommen. Bewusst wurde der gleiche Farbton, allerdings ein anderes Format gewählt. Die Struktur des Altbaus zeichnet sich durch einen reinen Kopfverband mit dünnen Fugen aus während für den Neubau ein wilder Verband mit dünnen Formaten gewählt wurde. Dieser unterstützt den skulpturalen Charakter.

Besondere Formgebung fordert besondere Lösungen
Die kubische Formgebung des Neubaus forderte nicht nur ein Sonderklinkerformat und individuell angepasste Ecksteine, sondern auch besondere technische Lösungen. So wurde die starke Wandneigung im Bereich des Foyers mit einem Wärmedämmverbundsystem mit Klinkerverblendung umgesetzt. Die weniger geneigte Wand der Westfassade wurde hingegen mit auskragenden Schichten mit Abfangungen umgesetzt.

Gläserne Fuge als verbindendes Element
Über einen transparenten Zwischenbau ist es gelungen, Alt- und Neubau zu verbinden. Das lichtdurchflutete Atrium dient als Haupteingang und sichert die barrierefreie Erschließung beider Gebäudeteile. Durch einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb sind Verschattungselemente für die gläserne Front entstanden, die an Pegelstände des Wasser erinnern.

Altbausanierung
Der Altbau, ein zweigeschossiges Amtsgebäude aus dem Jahr 1895, wurde seinerzeit auf einer Pfahlgründung mit tragenden Wänden aus Mauerwerk errichtet und sollte weitestgehend erhalten bzw. in den ursprünglichen Zustand aus der Entstehungszeit zurückversetzt werden. Hierfür wurden die nachträglich einge-bauten Dachgauben auf der Ostseite zurückgebaut und in Abstimmung mit dem Denkmalschutz sowie in Anlehnung an den ehemaligen Bestand auf der Nord- und Südseite als historische Dreiecksgauben zur Dachbodenbelichtung wieder aufgebaut. Ebenfalls gemäß dem Bestand von 1895 wurden die Dachflächen neu geschalt und mit klassischen Schieferplatten neu eingedeckt.

Die Fassade, geprägt durch den repräsentativen wilhelminischen Ziegelstein im reinen Kopfverband, galt es zu bewahren, so dass lediglich einzelne Steine im Mauerwerk sowie an den Gesimsen und Fensterbänken erneuert wurden. Die vorhandenen ungeteilten Kunststoff-Fenster wurden in Absprache mit dem Landesamt für Denkmalpflege durch klassische zweiflügelige Holzfenster ausgetauscht. In Anlehnung an die für die Entstehungszeit typisch nach außen zu öffnenden Fenster lassen sich auch die neuen, wärmegedämmten Fenster wieder nach außen öffnen.

Historischer Grundriss wiederbelebt
Eine besondere Herausforderung lag darin, den historischen Grundriss wieder zu beleben, diesen jedoch mit den einem modernen Verwaltungsgebäude angemessenen Funktionen zu belegen. Um die originalen Raumzuschnitte wiederherzustellen, wurde das Dachgeschoss in Anlehnung an die Ursprungszeit vollständig aus der Nutzung herausgenommen. Ein besonderes Anliegen war es, den historischen Sitzungssaal wieder in den bauzeitlichen Zustand zurückzuführen. Hierfür wurde die in den 50er Jahren nachträglich eingebaute Zwischenebene zurückgebaut. Auf der Basis von Farbbefundungen konnte außerdem die historische Farbgebung aus der Entstehungszeit nicht nur in diesem Raum, sondern auch im Flur festgestellt und neu interpretiert werden. Anstelle der gemalten Holzvertäfelung im Sitzungssaal wurde eine echte Holzvertäfelung, die gleichzeitig als Akustikelement dient, angebracht. Ferner wurden der Holzfußboden und die Tür in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege erneuert. Die Büroräume wurden mit strapazier- und ableitfähigen textilen Bodenbelägen ausgestattet, während in den Fluren und Treppenhäusern die historischen Terrazzo-Bodenbeläge ausgebessert und bereichsweise erneuert werden konnten. Durch den Einbau verglaster Brandschutztüren wurde das Treppenhaus zu einem notwendigen Treppenhaus umgebaut.

Der historische Altbau wurde durch einen ebenso wertigen, aber nicht dominierenden Neubau ergänzt. | Ulrich Hoppe

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