Ausgabe2009

Umbau des Jesuitenklosters in München: „Das Redukt“ – ein Meisterwerk aus Sichtbeton

Der Name „Das Redukt“ suggeriert bereits die Reduzierung auf das Wesentliche, die kontemplative Aura, die das Ordenshaus in idyllischer Lage im Nymphenburger Schlosspark umgibt - man hat fast das Gefühl die Mönche noch im Wandelgang meditieren zu sehen. Das vom Architekten Paul Schneider-Esleben für einen Jesuitenorden entworfene Ordenshaus wurde von einem Bauherrn zum Leben erweckt, der diese Immobilie als einmalige Chance begreift. Das in den 1960er Jahren entworfene, heute unter Denkmalschutz stehende Ensemble gilt neben Le Corbusiers Kloster Sainte-Marie-de-la-Tourette als exemplarisch für die sakrale Baukunst nach 1945. In der Blütezeit des Brutalismus (abgeleitet vom französischen Ausdruck „béton brut“) entstanden, ist das Gebäude mit seinen geometrischen Formen ein Musterbeispiel für die Verwendung von Sichtbeton.

Die gesamte im Sechseck angelegte Anlage ist auf dem Prinzip des gleichschenkligen Dreiecks aufgebaut; spitz- oder stumpfwinklige Raumzuschnitte sind die Folge. Kernstück des Ensembles ist der kontemplative Innenhof, um den ursprünglich die Padreszimmer, die Kapelle und die Nebenräume angeordnet waren. Wie Monolithen ragen die Bibliothekstürme mit ihrem Lesesaal über die Anlage hinaus. „Der völlige Verzicht auf den rechten Winkel könnte Planer in die Verzweiflung treiben; dies kann aber auch Inspiration für einen eigenwilligen individualistischen Entwurf sein.“ ,erklärt der Architekt Heinz Franke die Herausforderung, die denkmalgeschützte Anlage in großzügige Wohnungen umzuwandeln. Jede Fläche wurde bei größtmöglicher Wahrung der vorhandenen Bausubstanz in individuelle Wohneinheiten integriert – auf einer Ebene oder mehreren Etagen, für den Single bis zur mehrköpfigen Familie. Die ungewohnten Raumzuschnitte passen perfekt in das neue Konzept und eröffnen den Bewohnern unorthodoxe Raumperspektiven.

Die bestehende Fassade wurde aufwändig restauriert, nachdem die Flächen vor Jahren mit einer hellen Schlemme beziehungsweise einer schwarzen Kupfereindeckung versehen worden waren. Um die gestalterischen Qualitäten des vorhandenen Sichtbetons im Innenraum und von außen wieder sichtbar zu machen, wurde die komplette Fassade in tagelanger Handarbeit abgebeizt. Stellen, die ergänzt werden mussten, weil eine Sanierung nicht möglich war, wurden durch farblich abgesetzte Sichtbetonflächen ergänzt. Der ehemalige Wandelgang mit Öffnungen von 15, 30, 70, 100 und 150 Zentimetern blieb erhalten und ermöglicht ungeahnte Ein- und Ausblicke. Die sich stetig verändernden Lichtwirkungen erzeugen eine große Ruhe und Besinnlichkeit.
Die Erweiterung des Ensembles von 2.800 auf 3.500 Quadratmeter gelang den Architekten mit behutsamen Eingriffen und viel Fingerspitzengefühl für das bestehende Gebäude. Wie ein Rucksack wurde die Aufstockung im gleichen Duktus, aber in einer komplett anderen Erscheinung auf die denkmalgeschützte Gebäudesubstanz aufgesetzt. Dem historischen Gebäude setzten die Architekten mit der Wahl der Materialien – einer goldglänzenden Kupfer-Aluminium-Legierung für alle neuen Gebäudeteile – die notwendige Leichtigkeit entgegen. Details wie Schiebewände, die Platz sparend in einem Wandschrank münden oder kunstvoll in die Wände eingelassene Fenster, die ein störendes Fensterbrett überflüssig machen, begeistern auch heute noch. Eine Hommage an die 1960er Jahre ist die Verwendung des Farbtons RAL 1014 Elfenbein für die Erschließungsbereiche, eine in der damaligen Zeit häufig verwendete Farbe, die hervorragend mit den dunklen Einbauten aus Holz und edlem Leder korrespondiert. Der Ausbaustandard erfüllt alle Anforderungen an ein modernes Wohnhaus: neben dem technischen Update von Heizung, Elektroanlagen, Sanitärleitungen und Schallschutzeinbauten wurde nachträglich eine Tiefgarage unter dem Innenhof eingebaut. (3.800 Zeichen)

Betone für anspruchsvolle Ästhetik
Aus Sicht der Betontechniker bot das Redukt in München einige Besonderheiten. Zum Einsatz kamen Betone unterschiedlichster Expositions- und Festigkeitsklassen – je nach Anforderung der Bauteile. Exklusivität lautete die Devise. So wurden für die sichtbaren Betonflächen der Kapelle und einzelner Fassadenergänzungen Spezialbetone verwendet, die in enger Zusammenarbeit mit dem Betonlabor des Transportbetonlieferanten, der BLG Transportbeton München, einer Beteiligung der Heidelberger Beton GmbH, entwickelt wurden. Dr. Robert Lukas (BLG München) erklärt: „Für hochwertige und ästhetisch ansprechende Ansichtsflächen bietet die BLG-Beton geeignete Betone mit einer besonderen Zusammensetzung an. Wir reagieren damit auf den aktuellen Trend hin zu Sichtbeton und die damit verbundenen gestalterischen Möglichkeiten. Beim Redukt sollten die vertikalen Flächen in einem hellen Beton C25/30 der Expositionsklassen XC4 und XF1 ausgeführt werden. Für den Tiefgaragenboden mit ganz anderen Anforderungen haben wir einen C35/45 der Expositionsklasse XD3 vorgesehen.“

Das gesamte Gebäude wurde tiefer gelegt und mit einer modernen Tiefgarage versehen. Dazu musste der Baugrund mit Zement-Hochdruckinjektionen stabilisiert und verfestigt werden, danach wurden Teile der Gebäudesohle massiv unterfangen, um die lichte Höhe der Kellerräume zu erhöhen. Bis zu 1,80 Meter des anstehenden Bodens unterhalb des Kellers mussten in zeitraubender „Handarbeit“ ausgegraben und mit Beton verstärkt werden. Nachträglich eingezogene Stahl- und Betonträger sollen die zusätzlichen Lasten des größeren Gebäudes abtragen.

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