Ausgabe2012

Großes Theater trotz kleinem Budget

Offenheit ist das Geheimnis des starken Raumeindrucks im Theater Gütersloh. Damit dies die Besucher nicht mit unangenehmer Schallbelästigung bezahlen, griff Planer Jörg Friedrich in die Trickkiste des Trockenbaus und gestaltete so Decken, Wände und sogar Lichtkanonen. Der Erfolg kann sich sehen und hören lassen.

Theater, Kunst und Kultur in einem Haus – dafür braucht man viel Platz – und ein großes Budget. Normalerweise. Mit dem neuen Theater Gütersloh hingegen hat Architekt Prof. Jörg Friedrich bewiesen, dass hohe kulturelle und architektonische Qualität auch ohne große Kosten erzielt werden kann. Er stapelte die unterschiedlichen Flächengruppen des Theaterbaus übereinander und verschachtelte sie betriebstechnisch so genial, dass sein vertikales Theater das umfangreiche Gesamtkonzept des Hauses auf geringstem Raum zur vollen Blüte bringt.

Zentrum des Neubaus ist der große Theatersaal mit insgesamt 532 Plätzen. Als mit Knauf MP 75 verputzter und anschließend fein verspachtelter Stahlbetonkörper thront er inmitten eines kubischen Hüllgebäudes und nimmt dabei unterhalb der ansteigenden Sitzreihen des Auditoriums auch noch die Garderobe auf. Zu beiden Seiten des Saals sind das Foyer bzw. ein Treppenhaus angeordnet. Letzteres dient einerseits als Fluchtweg und führt andererseits in die sogenannte Skylobby oberhalb des Theaters mit der daran angrenzenden Dachterrasse. Weitere Treppenhäuser, Galerien und eine gewendelte Freitreppenskulptur aus ebenfalls mit MP 75 verputztem und fein verspachteltem Stahlbeton erschließen die unterschiedlichen Raumzonen innerhalb des Hauses. Dabei gestalten sie eine lebendige Raumlandschaft innerhalb der zum Stadtzentrum hin vollständig verglasten Gebäudehülle. Deren architektonisch bestechende Offenheit stellt gleichzeitig die Herausforderung des Baukörpers dar: Denn offene Architektur geht häufig mit einer schlechten akustischen Qualität einher. Doch auch dafür fand Projektleiter Architekt Dipl.-Ing. Ulf Sturm mit Hilfe der Akustikberater des Ingenieurbüros Kramer und den Knauf-Beratern Dirk Klinker, regionaler Marktmanager Decke, und Dirk Rieger, probate Lösungen.

Dazu wurde jeder einzelne Bereich des Theaterbaus kritisch begutachtet und gesondert behandelt. In der Garderobe unter dem Auditorium etwa verhindert eine auf den Unterseiten der Galerie montierte Lochplattendecke aus Knauf Gipsplatten, dass die hier entstehenden und durch das Pultdach konzentriert auf die gegenüberliegende Glasfassade gelenkten Schallwellen zu einer unangenehmen Geräuschkulisse führen.

In der nach drei Seiten offenen Skylobby macht eine Akustikdecke mit Lochplatten trotz der enormen Größe des Raums vertraute Gespräche möglich.

Im quadratischen Probenraum des Theaters wich Friedrich hingegen auf eine andere Lösung aus, da an der Decke Beleuchtungseinrichtungen montiert sind. Daher riet Klinker zu Schall dämpfenden und reflektierenden Zonen im Wand-bereich, die sich in einem vom Akustiker festgelegten Rhythmus abwechseln. Die zu diesem Zweck montierten Paneele bestehen aus Gipsplatten, in die in vorgegebenen Abständen linear angeordnete Lochfelder mit Blocklochungen gestanzt wurden.

Der Theatersaal als akustisch bedeutsamster Raum ist mit einem Deckensystem aus fünf gebogenen Segeln ausgestattet. Mit der Vorderseite reflektieren diese an Gewindestangen drucksteif abgehängten Felder den Schall, mit der Rückseite absorbieren sie ihn mit Hilfe von Mineralwollmatten. Die einzelnen Segel sind darüber hinaus mit jeweils zwei Lagen 15 bzw. 12,5 mm Knauf Diamant-Platten beplankt und rückseitig mit Steinwolle ausgerüstet, um die vom Akustiker geforderte Masse von rund 30 kg/m2 aufzubringen. Sie wurden komplett im Werk von Knauf vorgefertigt und in Form von diversen Einzelteilen angeliefert, die auf der Baustelle nur noch zusammengefügt werden mussten. Parallel zu dieser akustischen Maßnahme montierten die mit den Trockenbauarbeiten betrauten Handwerker von Trockenbau München an den Wänden des Theatersaals auf Vorsatzschalen aus Diamantplatten nochmals absorbierende Flächen aus Lochplatten. Zusätzliche Absorber an den Seitenwänden des Saals steuern dort die Reflexion und die Absorption der Schallwellen aus. Rostfarben gehalten stellen sie neben der roten Bestuhlung gezielte Farbtupfer im ansonsten schwarz gehaltenen Theatersaal dar. Umso stärker wirkt das Beleuchtungskonzept des Raums. Dieses nutzt indirektes Licht als Grundbeleuchtung und Mittel, um Raumkörper und –zonen zu gliedern. Die dazu benötigten Scheinwerfer sitzen gebündelt in Senkkästen in den Deckensegeln, die in die Deckenfläche eingelassen sind.

Auch im Foyer decken indirekte Beleuchtungskörper, die in ein stark geschwungenes riesiges Deckenfeld aus Gipsplatten integriert sind, die Grundbeleuchtung des Raums ab. Das sich von der Garderobe bis zur Fensterfront ziehende Deckenfeld hingegen steuert abermals die Akustik des Raums aus und garantiert eine ruhige Atmosphäre. Strahlende Akzente erhalten das Foyer – ebenso wie das Treppenhaus und die Skylobby – mit Hilfe von Lichtkanonen an der Decke. In Radien zwischen 3 und 5 m bahnen sich fünf kreisrunde Kegelstümpfe aus Knauf Platten den Weg ans Tageslicht. Die aus teilweise vorgefertigten Formteilen gestalteten Kegel sind an der Stahlkonstruktion des Daches befestigt und schließen jeweils mit großen Glasfeldern ab, sodass Theaterbesuchern über diese Raumöffnungen stets der Blick in den Himmel offen steht. Seitlich eingelassene Beleuchtungskörper verleihen den Eindruck, dass aus den Lichtkegeln selbst bei Dämmerung erhellendes Tageslicht in den Raum fällt – solange bis die nahende Dunkelheit mit der himmlischen Aussicht auf die Sternenwelt das nächste Schauspiel eröffnet.

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