16.10.2017 | PROJEKT

Zeitkapsel

Ein experimenteller Umbau eines Wohnhauses

Es war einmal...

...ein weiß verputztes Haus mit rotem Dach, ganze vier Stockwerke hoch, das stand im Stuttgarter Süden, in Heslach, in dem Stadtteil also, der gerade dabei ist, aus seinem Dornröschenschlaf zu erwachen.

Aber halt. Dieses Haus, diese Etage, die nicht umsonst „Zeitkapsel“ heißt, soll ihre Geschichte selbst erzählen.
So hat es sich zumindest derjenige, der sie so, wie sie jetzt ist, erdacht und gestaltet hat, vorgestellt... Und ein Märchen ist diese Geschichte auch nicht. Eher ein Fragenkatalog, so etwas wie ein Stapel Gesprächsnotizen, ein Forschungsbericht vielleicht.... Und ganz nebenbei eine Sammlung aus dreidimensionalen Experimenten und Exponaten...

Weil nämlich vor einiger Zeit die Etage nicht mehr länger als Büroerweiterung mit Arbeitsplätzen für Architekten gebraucht wurde. Stattdessen wurde aus ihr ein Versuchsraum, eine Art Architekturlabor, ein Atelier, bei dem die Räume selbst mit all ihren Eigenheiten immer wieder das Werkstück waren und sind.

Kann ein Raum seine Geschichte erzählen?
Wie sammelt man Gebrauchsspuren? Ist es an der Zeit, alle Materialien und Bauteile wiederzuverwenden?
Muß Architektur heute lokal, regional oder global auf Zeitgeschehen reagieren? Ist Vintage Zeitgeist oder Zeitgeschichte? Oder ist das womöglich ein und dasselbe?
Wie digital kann, soll und wird Architektur sein?
Ist Social Design das Zukunftsmodell?
...
Fragen wie diese wurden in dieser Etage theoretisch besprochen, spielerisch behandelt oder ganz praktisch gedreht und gewendet, Fragen, die einen als Architekt immer wieder umtreiben und im Architektenalltag dann doch ganz schnell wieder vom Tisch gefegt werden. Manche davon sind grundsätzlich, manche aktueller denn je. Aus diesen Fragen wurden Handlungsanweisungen zum Umbau und zur Gestaltung der Räume abgeleitet und bald auch eine Zielsetzung: diese Etage möge all das sein und bleiben, was sie jemals war, und noch mehr werden soll sie auch.

Die Haustür und die Tür zum Küchenbalkon sind aus alugerahmten Ornamentgussglas. An beiden ist man ganz schnell vorbeigegangen, aber die neue Fassade zum Hof hin ist nicht zu übersehen. Drei Holzbretter aufgelegt auf klappbaren rostroten Stahlbügeln sind Stufen und Sitzgelegenheit in einem.
Stellt man diese Bretter beiseite und klappt die Treppenwangen an die Hauswand, kann das verzinkte Hoftor, das schon lange da ist, aber jetzt erst um eine Holzablage ergänzt wurde, zum Wandelement und zur Absturzsicherung werden.
Das neue Stück Fassade, ein vierflügliges Faltelement aus hellem Tannenholz gewährt Einblicke und Einlass hinter ausgefranstem Backsteinrahmen.

Relikte aus vergangener Zeit
Drinnen künden kastenförmige Neonleuchten aus den 1990er Jahren ebenso wie der epoxidharzbeschichtete, von Sonne und Putzmittel verfärbte lindgrüne Boden vom ehemaligen Büroalltag. Auch aus dieser Zeit: Planrollen aus Pappe, mit Plänen von damals, Tusche auf Transparentpapier, die sind noch drin, auch wenn aus den Rollen, dicht an dicht, eine Wand zwischen Haupt- und Nebenräumen geworden ist.
Ein Wanddurchbruch verbindet das Zimmer zum Hof mit dem dahinter. Der nötige Unterzug besteht aus sehr dicken, sehr alten Eichenbalken, nicht von hier, aus dem 17. Jahrhundert, viel älter als alles andere im Raum. Die Ausformung fast sakral, einmal oben quer, schräg nach rechts und links abgestützt. Und in der Mitte darf im Hier und Jetzt auf einem an Hanfseilen abgehängten Stück Holzbalken geschaukelt werden...
Aus den Backsteinen, die vom Wanddurchbruch übrig geblieben sind, wurde kurzerhand ein Ofen gemauert, weil der bestehende Kachelofen nicht mehr den heutigen Abgasnormen entspricht. Aber bleiben darf der alte Ofen natürlich auch, als Objekt im Raum, als Kind seiner Zeit mit seinen zartgelben Kacheln. Weniger Heizkörper werden nun gebraucht, aus den ehemaligen Heizungsrohren wurden skulpturale Deckenleuchten.

Die Balken der abgebrochenen Fachwerkwand sind jetzt gehobelt, einer am anderen, die massive Platte des Küchentischs. Und die übrigen Backsteine wurden bis auf weiteres fein säuberlich draußen vor der Fassade aufgestapelt, direkt neben zwei Bänken aus Sandsteinen, die ehemals zwei Fenster umrahmt haben....
Keiner weiß mehr, wer soviel Fernweh hatte, sich eine großformatige Fototapete von NYC über Eck an die Wand zu kleben. Aber dieses verblichene Bild ist so stark, so verblüffend an dieser Stelle, dass jede der vier ausstellenden Künstlerinnen darauf Bezug nahm. Auch alle anderen Wände wurden mit all ihren Spuren belassen, seien es nun Gebrauchs- oder Bauspuren, weitere, zum Beispiel durch Anbringen von Kunst, sind willkommen...

Neugierig, mehr zu erfahren über Oberflächen, Materialien und Konstruktion wurden Decken und Wände an mehreren Stellen mit dem Skalpell ausgeschnitten. Diese Ausschnitte sind nun wie kleine Guckkästen, die Einblicke in die Tiefe gewähren, in denen die sichtbaren Zeitschichten wie gerahmt sind. An einer Stelle die vielfach in unterschiedlichen Farben überstrichene Raufaser vorne, eine gemusterte Tapete aus den 50er-Jahren dahinter, dann der Originalputz und schließlich Backsteine von 1908. An anderer Stelle ein Einschnitt im umlaufenden Stuckrand. Ein Strom- und ein EDV- Kabel verschwinden in einer Aussparung im Deckenbalken und direkt daneben wurde ein Rollo montiert. An dritter Stelle ein zufällig entdeckter Deckendurchbruch, der wohl vor langer Zeit als Wäschedurchwerfe gedient hat. Und der Wandabdruck, den das Entfernen der Fachwerkwand zwischen den Räumen hinterlassen hat, ist auch sichtbar geblieben, samt einem Stück Telefonleitung aus den 50er-Jahren und einem Alurohr als jetzige Kabelführung.

Die Küche: eine Ansammlung von Andenken und Antiquitäten Die 30er-Jahre-Küchenzeile mit Klappen und Schubladen wurde erst jetzt hier eingebaut und zeigt alle Spuren der Vorbesitzer im weißen Lack. Gegenüber steht ein althergebrachter Gasherd samt Ofen, daneben auf einem Stahlgestell der von den Architekten ergänzte Küchentisch mit seiner Platte aus Nadelholzbalken, und schließlich ein massiver graugesprenkelter Spülstein, für den der Flaschner vor Ort das beste Stück aus seiner Armaturensammlung beigesteuert hat. Wen wundert's, dass Goldrandgeschirr aus den 50er-Jahren in den Schränken steht?
An der Küchendecke hängt eine Glühbirne umkreist von verzinkten Bögen, die gehören zu einem Flaschentrockner, einem der Alltagsgegenstände die vor hundert Jahren von Marcel Duchamps zu den ersten Readymades auserwählt wurden und dann ohne jede künstlerische Einwirkung zu legendären Kultobjekten.

Viele kleine Detail also zu entdecken. Oder sind es Kunstwerke?
Dass die Etage, so experimentell sie gestaltet ist, seit ihrem Intermezzo als Galerie, nun wieder bewohnt wird, passt gut zu der Assoziation, die man beim Betrachten dieses Kunstraums auf Spurensuche ohnehin schon hatte: auf eine Weise wird hier an die Idee(nwelt) von Platinos Red Space, der vor fast vierzig Jahren nur einige wenige Kilometer Luftlinie entfernt entstand, angeküpft...Sind wir also gespannt, was sein wird mit der Etage im weiß verputzten Haus.

Projektdaten

Projekt Zeitkapsel - Experimenteller Umbau
Ort: Stuttgart Heslach
Bauherren: Oliver und Diane Sorg
Leistungsphasen: 1–9
Objekttyp: Wohnhaus von 1908
Nutzfläche: 74m²
Ausführung: 2016

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Foto: Sarah Weiselowski